2012-04 - Leitartikel

Jo Soppa - Chefredakteur MO

Jo Soppa

Tempowahnsinn

Geschäftsmodell Radarkontrolle. Die große Abzocke hat längst Methode

Vom Rücken der Pferde an die Zügel der motorisierten Vehikel. Das brachte unseren Vorfahren mehr Tempo, plötzlich war man Sieger über Raum und Zeit. Vor gut 100 Jahren wurde das als großer Gewinn gefeiert. Velocitas, du Göttin der Mo­derne. Damals blieb das kostspielige Motor-Vergnügen auch nur Adel und Großbürgertum vorbehalten. Entsprechend applaudierte man sich selbst kokett zur Rolle als noble Avantgarde. Seit Goggomobil, VW Käfer und Wirtschaftswunder darf das Volk demokratisch Gas geben. Mit weitreichenden Folgen und zunehmend verstopften Straßen. Kein Vorteil ohne Nachteil. Es ist wie mit unseren Mobiltelefonen. Jeder möchte eines , aber keiner will die dazugehörende Richtantenne in unmittelbarer Nachbarschaft. Viele haben deshalb auch ein schlechtes Gewissen. Das ist Futter für unseren Bürokraten-Staat, denn mit schlechten Gewissen ist gut Geld machen. Über kurz oder lang wird für alle Mobiltelefonisten eine ­Elektrosmog-Abgabe oder etwas Ähnliches kommen.
Betrachtet man sich die Entwicklungen im Straßenverkehr, dann wäre das nur logisch. Denn obwohl seit Jahren die Unfallzahlen dank um sich greifender fahrerischer Kompetenz, hochwertiger Technik und Vernunft trotz hohem Verkehrsaufkommen rückläufig sind, wird von öffentlicher Seite aus verstärkt Jagd auf die Geldbörsen der Motorisierten gemacht. Das System der Geldeintreibung ist immer das gleiche. Mit fragwürdigen Begründungen wie „Luftreinhaltung“, „Feinstaubbelastung“, „Unfallschwerpunkt“ oder „Lärmvermeidung“ werden an verführerisch gut ausgebauten Strecken drastische Geschwindigkeitsbegrenzungen installiert. Diese Tempovorgaben werden sodann rigide überwacht.
Kürzlich war ich mit der neuen Norton auf einer vierspurigen Bundesstraße unterwegs. Früher gab es auf dieser Strecke ein Tempolimit von 120 km/h, heute gelten dort 80 km/h Höchstgeschwindigkeit, für Lastwagen gar 60 km/h. In den verkehrsreichen Stoßzeiten ist das kein Problem, weil es stockend und zuckelnd noch viel langsamer vorangeht. Mittags, bei abgeklungenem Berufsverkehr, sieht das anders aus. Dann liegt die „natürliche Fließgeschwindigkeit“ der Bundesstraße bei etwa 100 km/h. Zu früheren 120-km/h-Zeiten wäre man also auf dieser Strecke ganz ruhig und entspannt dahin gerollt. Wenn’s heute an gleicher Stelle blitzt, darf man sich im nächsten Lokalreport der Tageszeitung als „erwischten Raser“ titulieren lassen. Derart weltfremde Tempolimits sind ähnlich provokant-nervend, wie das konstant mit 75 km/h auf der Landstraße vor einem hergurkende Auto eines Oberlehrers. Solche Leute applaudieren dann selbstverständlich in den einschlägigen Leserbriefspalten treuherzig mit Kommentaren wie: selber schuld. Man muss sich nur an das Tempolimit halten und alles ist gut.  
Nein, ich bin mit der Norton nicht geblitzt worden. Ich kenne die Stellen, an denen die fest installierten Blitzer stehen. Insgesamt waren es auf besagter Strecke an diesem Tag übrigens fünf Tempokontrollen, weil es neuerdings sportliche Herausforderung der Behörden ist, kurz hinter einem fest installierten Blitzer noch eine mobile Station ins Gebüsch zu stellen. Und das alles auf einer Streckenlänge von rund zehn Kilometern.
Von Seiten der Kommunen und Städte wird selbstverständlich vehement bestritten, dass es alleine ums Füllen der Gemeindesäckel geht. Man verfolge vielmehr hehre gesellschaftspolitische Ziele. Erstaunlich nur, dass ich in meiner Karriere als Motorist nur zwei Tempokontrollen vor einer Schule oder einem Kindergarten gesehen habe.
Entlarvend sind auch die Geschäftspraktiken der Firmen, die derartige Blitzanlagen herstellen. Klammen Gemeinden wird etwa ein Beteiligungsmodell vorgeschlagen. Das bis zu 250000 Euro teure Gerät stellen sie dann kostenfrei auf, und die Firma kassiert bei jedem Blitzer mit.
Damit wir uns recht verstehen. Mir geht es keinesfalls um ein Lob des zügellosen Schnellfahrens. Was derzeit läuft, ist jedoch nichts weiter als eine weitere Abzocke der arbeitenden Bevölkerung unter dem uferlos interpretierbaren Deckmantel der „Verkehrserziehung“. Die verantwortlichen Behörden verfahren getreu dem Motto, dass Kleinvieh auch Mist macht. Viel Mist sogar, denn das Gros sind die Verstöße der „kleinen Sünder“, und nicht diejenigen der sensationstauglichen Speedfreaks, die ihren Schwachsinn auch noch fürs Internet filmen.
Durch diese „massenkompatible Arbeitsweise“ sind die teuren Geräte meistens nach einem Vierteljahr „abbezahlt“. Dann rollt der Rubel. Viele Städte sind deshalb dankbar um jeden Meter Bundesstraße oder Autobahn, der über ihre Gemarkung führt. Begründungen für ein hinterlistiges Tempolimit gibt es ja genug, siehe oben.
Was kann der durch überspannte Benzinbesteuerung ohnehin geschröpfte Bürger dagegen tun? Zunächst einmal darüber nachdenken, welchem „Weltverbesserer“ Sie bei der nächsten Wahl Ihre Stimme geben. Dann: Machen Sie Ihrem Unmut öffentlich Luft. Wenn in Ihrer Gemeinde die Blitzeritis um sich greift, dann schreiben Sie nette Briefe an Ihre Tageszeitung. In den Redaktionen wird zwar mit den Gemeidefürsten in gegenseitiger Abhängigkeit gekungelt und dem angesagten Kuschelkonsens in der Gesellschaft gefrönt, aber manchmal druckt die „freie Presse“ tatsächlich auch kritische Briefe ab. Und, ganz wichtig, lassen Sie sich nicht erwischen.

Blitzfreien Start in die Motorradsaison wünscht

Jo Soppa, Chefredakteur

 

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