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Keine Hektik, Mann

Die Isle of Man im Cruiser-Walzertakt bereist

Text und Fotos: Guido Kupper
erschienen in MO 11/2008

In Duckhaltung mit geschlossenem Visier über die Isle of Man rasen: herrlich. Doch im Tunnelblick gehen die sonstigen Reize der Insel gänzlich unter. Um nicht in Versuchung zu geraten, leihe ich mir eine Triumph Rocket Touring aus. Die hält den Adrenalin­spiegel auch auf dem Mountain Course brav unten.


No Limits, jedenfalls beim Tempo. Das war schon vor hundert Jahren eine tolle Sache. Und so kam das legendärste Straßenrennen der Welt 1907 auf die Isle of Man, diese Insel mitten im Nirgendwo zwischen England und Irland. Hier, wo man sich seit Jahrhunderten mit Landwirtschaft, Fischerei und ein bisschen Bergbau über Wasser hielt, machte sich damals kein Mensch Gedanken über ein Tempolimit. Es gab ja kaum Fahrzeuge, die Straßen waren nicht einmal asphaltiert. Viel wichtiger war, Touristen und damit Einnahmequellen auf die Insel zu locken. Ein großes Rennen - viele zahlende Gäste. Das war die einfache Rechnung und der Grund dafür, dass man das Ding schließlich Tourist Trophy nannte.

Wer zur Rennzeit einmal versucht hat, einen Platz in Flugzeug, Fähre oder Hotel zu ergattern, weiß, dass die Rechnung aufging. Noch heute lebt die Insel auch von eben jenem Tourismus, der sich um die Renntermine drängt. Das kontinuierliche Wachstum der letzten 24 Jahre aber verdankt sie eher dem schnöden Mammon, der hier gesammelt, verschoben, investiert und angelegt wird. Das Gros des Inseleinkommens stemmt der Banken- und Versicherungssektor. Mit 35 Prozent Anteil macht er mehr Mist als alle Kühe und Schafe zusammen, die das fast penetrante Grün der Insel so unterhaltsam tupfen. Gerade mal ein Prozent geht aufs Konto von Landwirtschaft und Fischerei, da verkommt das Farming zu purer Landschaftspflege. Und der Tourismus? Der ist mit rund drei Prozent zwar stärker, aber auch nicht gerade unverzichtbare Lebensader.

Das mag zu früheren Zeiten anders gewesen sein. Es beweist aber, dass sich die Begeisterung der Manx People für den Motorradsport keineswegs nur aus profaner Profitgier nährt. 100 Jahre Motorsport vor der Haustür sind eine verdammt lange Tradition. Groß geworden sind sie damit, haben den temporären Trubel lieb gewonnen, ihn als willkommene Abwechslung zur ruhigen Insellage schätzen gelernt. Gierig schnuppern sie, wenn eine steife Brise Benzindunst über die Insel weht. Für die Manx People sind rasende Motorradfahrer so sehr Heimat wie die Trinkhalle für den Ruhrpottler. Das Heldentum, es zählt hier noch was. Wer auf dem Motorrad stirbt, ist nicht umsonst gestorben.

Droben bei Bungalow Corner hält Joey Dunlop, König des Mountain Course, in Bronze einsam Wacht.

Der strahlendste der Helden hält - in Bronze gegossen - Wacht auf der Spitze des Mountain Course. Joey Dunlop, 26-facher TT-Sieger, kam 2000 bei einem Straßenrennen in Estland ums Leben. Wie ich da inmitten von kalten Nebelfetzen und Nieselregen so bei ihm stehe und die Dunkelheit über die Einsamkeit hereinbricht, wirkt dieses Heldentum sehr schal. Das Gedenken in den Herzen vieler Motorradfans auf der ganzen Welt aber ist noch immer warm und lebendig. Ein Trost? Als Motorradfahrer jedenfalls profitierst du von der Rennbegeisterung. Wer Respekt und Rücksichtnahme im Verkehr erleben will, muss auf die Man. Selbst mich und die Triumph Touring nehmen sie hier ernst. Schließlich sieht mich keiner bei den peinlichen Versuchen, das Trumm aus den Sackgassen zum Meer hinunter wieder in Fluchtrichtung zu wuchten. Ein Königreich für einen Rückwärtsgang!

Doch bei aller Motorrad-Sympathie: Es ändert sich was auf dem Mainland des Straßenrennsports. Der würzige Duft niedriger Steuersätze lockt die Fliegen der Finanzwelt, und samt ihrer Banken, Briefkastenfirmen und Internet-Casinos kommt eben nicht nur das Geld, sondern es kommen auch viele Leute, die es haben. In dieser Welt ist es mit der Begeisterung für den Rennsport meist nicht sehr weit her.

Simon Crellin, der die TT als PR-Berater promotet, spürt zwar keinen nennenswerten Widerstand der betuchten Insel-Zuzügler gegen die Renntradition. Im Gespräch mit den Inselbewohnern aber stellt sich rasch heraus, dass das einige anders sehen. Auch Richard "Milky" Quayle. Ich treffe ihn, als er die Holzpfosten im Fahrerlager am Grand Stand, der Haupttribüne in Douglas, in frischem Weiß streicht. Er ist einer von denen, die ohne die Tourist Trophy nicht leben können. Er sieht nicht unbedingt so aus, doch der Mann ist ein Held. 2002 siegte er in der Lightweight-TT auf einer Honda CBR 400 und war damit der erste Manxman, der eine Solo-TT gewann. Doch Milky ist auch einer von denen, die beinahe draufgegangen wären. Im Jahr 2003 raste er kurz nach Ballacraine mit rund 160 Meilen pro Stunde in die Strohballenbegrenzung und flog 150 Meter durch die Luft. Danach steckte er auf. "Man muss wissen, wann es genug ist. Man muss sich im Klaren sein, was man hat, und was man verlieren könnte." Heute sind die Wunden weitestgehend verheilt, seine Familie hat ihn wieder. "Ich versuche, die Rennen zu unterstützen, wo ich kann", sagt er und nimmt den Pinsel wieder in die Hand.

Frag' Menschen auf der ganzen Welt nach der Isle of Man, und sie werden "TT" antworten. Das legendäre Straßenrennen hat nicht nur in den Köpfen der Menschen Spuren hinterlassen. An der Strecke finden sich Orte des Erinnerns für diejenigen, die Menschen an einen Traum verloren haben. Richard "Milky" Quayle, TT-Sieger 2002, fährt nach seinem Crash 2003 nicht mehr mit, hilft aber, wo er kann.

Dann gibt es da natürlich noch diesen Health- und Safety-Wahn aus England. Nur kein Risiko, und wenn doch, dann möglichst zu hundert Prozent kalkulierbar. Kommt Ihnen bekannt vor? Straßenrennen passen in dieses Schema nicht rein, der Druck auf die Isle wächst. So ist nicht auszuschließen, dass es bis zum Ende einer wahrhaftigen Legende nur noch eine Frage der Zeit sein könnte.

Der Zuzug von "Ausländern" hat aber auch Vorteile. Was es heißt, wenn man immer unter sich bleibt, offenbaren die ramponierten Hinterteile der Manx-Katzen. Ob Rumpy (ganz ohne Schwanz) oder Stumpy (mit Stummel), die armen Geschöpfe hat keine 120/70-17er Trennscheibe ihres Schwanzes beraubt, sondern ein Gendefekt. Ungut, diese Inzucht. Doch der Defekt stirbt allmählich aus, denn die Nachkommen zweier Schwanzloser haben Gesundheitsprobleme. Und auch bei den Katzen sorgen die Zuzügler von draußen für frisches Blut auf der Insel.

Geld ist definitiv ein Thema hier. Das wird mir klar, als ich am Bankschalter fünfzig Euro in Manx-Pfund wechseln will. Fast erkennungsdienstlich werde ich dafür behandelt, die Prozedur braucht eine Viertelstunde. Was ich hier mache, werde ich gefragt, muss meinen Ausweis vorzeigen, dessen Daten gewissenhaft abgeschrieben werden. Schwarzgeld lässt grüßen. An den Uferpromenaden der Hafenstädte werden die verfallenen Prachtbauten aus viktorianischer Zeit hie und da schon wieder hochsaniert. Der glänzende Lack des ausgehenden 18. Jahrhunderts aber ist noch auffällig ab.

Das Rennjahr ist längst gelaufen, es ist Herbst, es herrscht Ruhe. Abseits der Circular Road bist du mit deinem Motorrad fast allein. Mir tut das gut. Wen so viel Ruhe nervös macht, der kann die Circular Road zur Rush Hour befahren. Der 60 Kilometer lange Ring um die Insel ist ihre Hauptverkehrsader und zugleich eben jener weltberühmte Rennkurs. Zu dieser Zeit ist die Bevölkerungsdichte hier für Inselverhältnisse recht hoch - wenn auch bei eingeschränkter Kommunikationsmöglichkeit. Abseits dieser Route ist das Straßennetz teilweise rudimentär. Enge Straßen in Feldwegbreite verlaufen zwischen aufgetürmten Steinmauern und den obligaten Hecken inmitten endlosen Grüns, das nur vom meist grauen, selten glitzernden Meer begrenzt wird. Die Erkundung der Insel auf diesen Wegen wird zur hypnotischen Erfahrung. Gelassen segelst du auf deinen inneren Meeren, und die Salzluft in der Nase ist erfrischend real.

In der Bucht von Douglas lebt ein Drittel der rund 75000 Manxmen.

Die hektische Globalisierung scheint hier weit weg, das nimmt Druck von den Schultern. Die Menschen, die man arbeiten sieht, wirtschaften nah an der Natur. Die anderen sitzen unsichtbar hinter den Büroscheiben der Hauptstadt Douglas. Das Leben auf dieser Insel wirkt sehr ruhig und auf mich wie eine seltsame Blase der Zeitlosigkeit. Ein Leben auf begrenztem Raum, aber doch mit richtig Luft um die Nase. Ein Leben zwischen dick überstrichenen, altenglischen Telefonzellen, Handys, Fischerbooten und Großfinanz. Ein Leben zwischen Modernität und Fairy Bridge. Ja, auch die alten Mythen finden hier noch ihre Nischen. Zwischen Castletown und Santon querst du diese unscheinbare Brücke, der Legende nach liegt hier die Heimstatt der Feen. Wer sie nicht grüßt und nicht achtet, erntet Unglück. Sie erfüllen Wünsche, spielen Schicksal. Unzählige an die Bäume gepinnte Botschaften beweisen: Der Aberglaube lebt, dieses Land hier ist sein Dünger. Auf dem seit Jahrmillionen von der See bestürmten Boden, auf dem schon prähistorische Kulturen in magischen Steinkreisen ihren Göttern huldigten und Wikinger samt ihrer Schiffe und Frauen begraben wurden, erscheint er mir erstaunlich wenig abwegig. Man spürt sie hier intensiver, diese Kräfte abseits von Religion und Hedonismus, diese in den Äolsharfen unseres Inneren erzeugten Zwischentöne.

Abends in Douglas peitscht mir der Wind Regen und Gischt waagrecht ins Gesicht, ein stürmisches Meer mit unermüdlich nach der Insel greifenden Wogen grollt wie der Donner einer in der Ferne tobenden Schlacht. Da drängt es an die Oberfläche des Bewusstseins, das Gefühl der Ohnmacht, und paart sich dort mit der starken, wohligen Erkenntnis, Teil dieses zeitlosen Ganzen zu sein. Kein Fremdkörper, keine Sinnfragen. Heilsam, erholsam und Augen öffnend.

Das Wetter, Sie haben es bereits gemerkt, könnte natürlich besser sein. Das alte Großbritannien-Klischee boxt sich mal wieder mit Verve in die Realität durch. Es ist wechselhaft. Über die vier Tage meiner Anwesenheit wechselt es tatsächlich permanent: von starkem zu leichtem, über Sprüh- zu Platzregen, durchmischt mit Einlagen von waagrechten Schwallböen, mitunter auch durchsetzt von Salzgischt, je nach Küstennähe. Doch das macht nichts. Während zuhause Schlechtwetter immer auch Einschränkung bedeutet, eifert man hier schon nach kurzer Zeit ganz unbewusst den Eingeborenen nach und führt sein Leben einfach normal weiter - nur eben mit Regenpelerine oder eben mit Regenkombi. Das muss man gesehen haben, welch gute Laune unterm nassen, gelben Helm der Straßenarbeiter aufblitzt, wenn du durch Blicke Kontakt mit ihnen aufnimmst. Wir sind Teil des Ganzen, und der Regen eben auch. Welch Nerven schonende Einstellung. Und welch ein Glücksmoment, wenn dann die Sonne durchbricht. Da lernt man den Planeten erst richtig schätzen. Denn - Golfstrom hin oder her - die Temperatur liegt im Sommer meist ein wenig unter den Wohlfühlgraden des Mitteleuropäers.

Dass es im Winter hier recht mild ist, bringt meinem fassungslosen griechischen Kollegen gerade wenig. In kurzen Hosen und T-Shirt steht er regungslos hinter der Hoteltür und starrt trübselig ins kalte Grau, seine Fahrklamotten dümpeln noch irgendwo im Flieger zwischen Athen und der Isle. In seiner Heimat regiert noch der Sommer, doch die warmen Gedanken können seinen frierenden Körper nicht wärmen. Noch ist er ein Fremdkörper hier. Noch.

Greg Ny Baa, kurz nach Kate's Cottage am Ende des Mountain Course gelegen, bietet die exklusivste Zuschauerloge der Tourist Trophy.

Bildergalerie anschauen.

 


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